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2008 |
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Zum 100. Geburtstag von Gerda Alexander
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Sind Sie körperbewusst? Zum 100. Geburtstag der Rhythmik- und Gymnastiklehrerin und Begründerin der Eutonie Gerda Alexander
1959 organisierte Gerda Alexander den ersten „Internationaler(n) Kongress für Entspannung und natürliche Bewegung“ in Kopenhagen, der Stadt, in der sie jahrzehntelang lebte und arbeitete. Auf dem Kongress stellte sie der damaligen Fachwelt ihre Methode vor, und nannte sie Eutonie. 1) Anlässlich des Kongresses erschien ein Gespräch mit ihr in der dänischen Zeitung Berlingste Tidende: „Sind Sie körperbewusst? Eine neue Technik ermöglicht es uns, den natürlichen Lebensrhythmus wiederzuentdecken und ihn weiterzuentwickeln und gibt uns die innere Ruhe, die wir so dringend brauchen als Gegengewicht zu dem Lärm und der hektischen Atmosphäre der heutigen Zeit. “ Und weiter heißt es in dem Artikel: „...ganz oben in einem der alten Patrizierhäuser. An der Tür steht nur: Alexander. Sie ist klein und zart. Die Person strahlt Ruhe aus. Das Gesicht ist freundlich und willensstark. Sie ist weiblich und ausgesprochen selbständig. Und so viel jünger wirkend......Eine Person, die sich selbst den Weg geebnet hat.“ 2)
Zum Kongress kamen Dr. Moshe Feldenkrais aus Tel Aviv, um den Eröffnungsvortrag zum Thema: „Körper und Geist, das Verhältnis zwischen den Funktionen des Körpers und der geistigen Reife“ zu halten. Auch die Tanzpädagogin Rosalia Chladek kam aus Wien und viele Ärzte und Psychologen aus den skandinavischen Ländern. Insgesamt nahmen 300 Personen aus 21 Ländern teil. Das dänischen Kultusministerium und das Gesundheitsamt Kopenhagen unterstützten den Kongress.
„Unser Ziel ist, den Menschen in die Lage zu versetzen, sich auf die Wirklichkeit des Augenblicks einzustellen.“ Diesen Satz prägte die Rhythmik- und Gymnastiklehrerin Gerda Alexander. Sie ist die Begründerin der Eutoniepädagogik und Eutonietherapie und wurde damit zu einer der Pionierinnen der Körperarbeit. Sich einstellen auf die Wirklichkeit des Augenblicks erfordert Klarheit für die eigene Identität, eine entwickelte Wahrnehmungsfähigkeit für die Situation, gutes Bewusstsein für Grenzen, soziale Kompetenz und eine große Flexibilität und Reaktionsfähigkeit. Die damit verbundene Tonusflexibilität befähigt den Menschen den Anforderungen des Alltags besser zu genügen. Sich auf die Wirklichkeit des Augenblicks einzustellen, bedeutet keineswegs sich bedenkenlos allen Situationen anzupassen, sondern verlangt ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein für sich und andere. Gerda Alexanders persönliche Stärke war ihre Fähigkeit zur Tonusadaption. Sie konnte sich in andere Menschen einfühlen, deren körperlich-seelische Spannung und Gestimmtheit nachempfinden und darauf angemessen reagieren. Die Entwicklung der Eutonie ist Gerda Alexanders Lebenswerk, mit dem sie internationale Anerkennung erlangte. Eutonie GA (Eutonie: die gute Körperspannung und seelische Gestimmtheit) löst Fehlspannungen, befähigt zum gesunden körperlich-seelischen Ausdruck und fördert die Entwicklung der Persönlichkeit durch körperliches Erleben. Sie hat eine große soziale und emanzipatorische Wirkung auf die Übenden.
Gerda Alexander wäre am 15.2. 2008 100 Jahre alt geworden. Sie kam aus einer künstlerischen und musikalischen Familie. Ihre Eltern, die sich in der Genfer Rhythmikausbildung bei Jacques Dalcroze kennen gelernt hatten, haben Gerdas künstlerischen Neigungen sehr früh unterstützt. Sie wurde in den zwanziger Jahren von Otto Blensdorf, der ebenfalls aus der Dalcroze-Schule kam, ausgebildet. Er entwickelte zahlreiche Kinder-, Spiel- und Tanzlieder. Schon als Kind ging die kleine Gerda mit Begeisterung „zu dem Herrn Blensdorf“, der ihr musisches Talent förderte. Später arbeitete sie eng mit Otto Blensdorf und seiner Tochter Charlotte Blensdorf - Mac Jannet zusammen, die 1926 den Deutschen Rhythmikbund gründete. (vergl. verschiedene Internetadressen mit Buchhinweisen zu O. Blensdorfs Lebenswerk und zu Charlotte Mac Jannet). Zur Ausbildung an der Blensdorf-Schule gehörten neben den Studien für Rhythmik, Körperbildung, Gehörbildung, Singen, Musikgeschichte, Klavierstunden, Stimmbildung und Bewegungsstudien. Gerda Alexander erfüllte immer eine große Dankbarkeit für diese Ausbildung, die die Grundlage für die Entwicklung der Eutonie legte.
Als Rhythmik- und Gymnastiklehrerin fing sie an, in der Zeit der Reformpädagogik der 1920iger Jahre, Körperbewusstsein, Rhythmik und Bewegung zu vermitteln. Sie propagierte die Eigenverantwortlichkeit für den Körper, die Gesundheit und das soziale Miteinander; Einstellungen und Haltungen, die heute wieder aktueller sind denn je. Schon während ihrer Ausbildung war sie an der freien Schule des Reformpädagogen Prof. Peter Petersen der Universität Jena tätig und ließ sich von seinen pädagogischen Ideen inspirieren. Wie sie in einem Interview sagte: “wurde anstelle der äußeren Disziplin der alten Schule die innere Disziplin durch die Rhythmik bei den Schülern entwickelt. Es gab wohl selten eine Institution, die so auf jeden einzelnen eingegangen ist und wo immer der Mensch im Zentrum stand.“ 3) Als sie Ende der 1920iger Jahre in Dänemark am Fröbelseminar unterrichte, sah sie, dass Peter Petersens Ideen im großen Rahmen in privaten und öffentlichen Schulen in Dänemark bereits realisiert wurden.
Gerda Alexander stellte fest, dass SchülerInnen einer bestimmten Tanzschule häufig nur den Stil ihrer jeweiligen Meister kopierten. Ihr war wichtig, die körperliche Individualität ihrer SchülerInnen im Tanz und Rhythmus zum Ausdruck zu bringen. Sie fing deshalb an, die individuellen Eigenheiten für den körperlichen Ausdruck zu entdecken und zu erforschen. Grundlage dafür war die Entwicklung der körperlichen Wahrnehmungsfähigkeit, des Körperbewusstseins und die körperlich-geistige und seelische Einheit des Menschen. Sie suchte Ausdruck und Bewegung, um die emotional angespannte Zeit nach dem 1. Weltkrieg zu überwinden. Damals entstanden vielfältige neue Methoden der freien Bewegung, der Ausdruckstanz und die ganzheitliche Körperbildung.
Seit Ende der 1920iger Jahre unterrichtete Gerda Alexander in Kopenhagen. Obwohl sie 1933 einen Ruf an das Schauspielhaus Berlin als Regieassistentin hatte, entschied sie sich, in Dänemark zu bleiben. Sie ahnte, dass sie im faschistischen Deutschland mit ihrer Methode der individuellen Persönlichkeitsentwicklung keine Chance haben würde. Ein Höhepunkt ihrer künstlerischen Tätigkeit war sicher die Inszenierung der Oper Orpheus und Eurydike in Kopenhagen im Jahr 1946. Außerdem unterrichtete Gerda Alexander am Konservatorium in Malmö und lange Zeit auch das Radiosymphonieorchester Kopenhagen.
1940 gründete sie in Kopenhagen ihre Ausbildungsstätte, die vom dänischen Staat als Fachhochschule anerkannt war und auch später zum Empfang von staatlichen Stipendien berechtigte. Dort hatte sie ein internationales Publikum und bildete zunächst Rhythmik- und GymnastiklehrerInnen auf der Grundlage ihrer neuen Entspannungstechnik und seit den 1950iger Jahren EutoniepädagoInnen aus, die in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Dänemark, Schweden, Norwegen, Island, Italien, Israel, Südamerika, den USA und Kanada tätig wurden.
Gerda Alexander (1908 bis 1994 ) war bis ins hohe Alter forschend und lehrend tätig. Neben ihrer Ausbildungstätigkeit in Kopenhagen reiste sie in europäische Länder, nach Israel und nach Amerika, um Eutoniekurse zu geben und ihre Arbeit bekannt zu machen. Sie führte ein geniales, künstlerisches Leben und hat in ihrer Arbeit Phänomene entdeckt, die später durch die neurologische Forschung bestätigt wurden. Mit der Entwicklung der Eutonie GA war sie ihrer Zeit weit voraus. Ihre Methode hat im Laufe der Jahre andere Körpermethoden und –therapien, Tanz- und Rhythmikausbildungen beeinflusst. Sie hat im Laufe ihres Lebens mit Musikern, Schauspielern, Tänzern, Filmleuten, mit Asthmatikern, Spastikern, Querschnittsgelähmten, mit Menschen, die an Schlaflosigkeit, an Phantomschmerzen oder an einem Tick litten, gearbeitet. Sie erlangte internationale Anerkennung von Pädagogen, Medizinern, Psychologen und Psychiatern. Auch C. G. Jung interessierte sich für ihre Arbeit und suchte das Gespräch mit ihr.
Der Arzt Prof. Dr. Helmut Milz, der heute an der Universität Bremen lehrt und sich 1983 im Rahmen seiner Forschungsarbeit durch eigene Erfahrungen von der Wirksamkeit der Eutonie überzeugen konnte, schrieb: „Sie (die Eutonie) erweist sich als für ein breites Spektrum von psychosomatischen Erkrankungen bestens geeignet. Spezifisch sind hier depressive Syndrome, Angst- und Panikerkrankungen, chronische Schmerzzustände, Tinnitus, sowie die Schulung eines bewussteren Körperbildes bei Patienten mit schweren chronischen Essstörungen wie Anorexia nervosa und Bulimia nervosa zu nennen. Aus meiner langjährigen Tätigkeit als Arzt und als Berater der Weltgesundheitsorganisation in Fragen der Gesundheitsförderung kann ich die Methode der Eutonie nach Gerda Alexander vorbehaltlos als wichtige Ergänzung des Behandlungsspektrums im Bereich von körper- und bewegungstherapeutischen Maßnahmen empfehlen. Sie hat nach meiner Kenntnis die solideste Ausbildungsgrundlage von allen mir bekannten körpertherapeutischen Verfahren, achtet auf eine gründliche Supervision der Auszubildenden nach ihrem theoretisch-praktischen Training und hat einen hohen ethischen Standard.“4)
2004 nannte Prof. Milz in einer Ansprache zum 30jährigen Bestehen der flämischen Eutonie-Schule das Leben und Wirken Gerda Alexanders „Ein spannendes Vermächtnis“5). Ihr zu Ehren wird es am 1.11.08 in Wuppertal ein Symposium: „Eutonie im Wandel“ geben. Wuppertal ist Gerda Alexanders Geburtsstadt und die Stadt, in der sie - nachdem sie ihre Kopenhagener Ausbildungsstätte 1987 aufgegeben hatte - die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte. Weitere Informationen zur Arbeitsweise und Adressen gibt es unter www.karin-coch.de und
www.eutonie.de
1) Der Name Eutonie Gerda Alexander(R) und das Logo sind heute rechtlich geschützt. 2) Hier in deutscher Übersetzung aus Berlingske Tidende, Har De legemsbevidsthed? Vom 12.7.1959, Kopenhagen 3) Aus einem Interview in den Mitteilungen der Deutschen Eutonie-Gesellschaft e.V. Nr. 38, März 1996, S. 19 – 21 4) aus einer unveröffentlichten Stellungnahme zur Eutonie GA von Prof. Dr. H. Milz 5) vergl. Prof. Dr. H. Milz www.helmutmilz.de/documents/Eutonie-einspannendesvermachtnis.pdf
Karin Coch, diplomierte Eutoniepädagogin GA, Hamburg geb. 1949, weitere Informationen unter www.karin-coch.de Hamburg, Mai 2008
Ich bedanke mich beim Dänischen Eutonieverband für die Bereitstellung der Fotos. Weitere Fotos mit Dokumenten aus dem bewegten und bewegenden Leben Gerda Alexanders unter www.eutoni.dk/gerda-alexander/ mit Erläuterungen auch in deutsch.
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Gerda Alexander - Bilder
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Gerda Alexander leitet Kinder zum Bau von Bambusflöten an.
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Gruppenstudie aus der Gerda-Alexander-Schule, Kopenhagen, 1946
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1930 in Dänemark, v.l. Gerda Alexander, Otto Blensdorf, Charlotte Blensdorf-McJannet
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Eine skulpturelle Tanzgeste, 1931
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Rhythmik-Gruppenstudie aus der Blensdorf-Schule
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Examensstudie aus der Gerda-Alexander-Schule "Zwischenräume", 1983
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